Alles blau – Wir bleiben, wie wir sind

Kürzlich, auf dem Weg zu meiner besten Freundin Brigitte, befand ich mich in allerbester Stimmung. Ich fühlte mich so beschwingt wie seit Langem nicht mehr. An diesem Morgen war es mir endlich gelungen, einen selbstgebackenen Kuchen in einem Stück aus der Form zu bekommen. Und was noch besser war: Ich hatte es geschafft, mich vor einem pickligen Teenager auf dessen angepeilten Sitzplatz im überfüllten Bus zu quetschen.

Brigitte hatte mich eingeladen, um in ihrem Zuhause einen Partnerschaftstest zu erproben. Sie schreibt am laufenden Band Bücher, die ihrer Meinung nach jede Frau kennen sollte. Außerdem tritt sie mit einer schrillen Show im Fernsehen auf, in der sie unter anderem ihre Wälzer vorstellt. Brigitte ist ledig und sagt Sachen wie:

»Wenn ein Mann über einen ertragreichen Kirschbaum im eigenen Garten verfügt, hat er es nicht nötig, sein Obst auf Nachbars Grundstück zu pflücken.«

Mit Feuereifer studiert sie das Verhalten von Hausfrauen. Ich wurde bereits mehrfach von ihr interviewt. Wenn sie dann über den Bildschirm flimmert, reißt sie zwar immer wieder Witze, in denen ich mich vage wiedererkenne, aber ich nehme es ihr nicht übel. Sie nennt ja nie meinen kompletten Namen. Ich helfe ihr gern. Wozu hat man schließlich Freundinnen?

Sie gab mir einen Bogen mit etwa zwanzig Fragen zu Partnerschaft und Familie. Als ich die ersten drei fertig hatte, schaute Brigitte mir über die Schulter. Ich hörte sie sich räuspern. Nach einer Weile fragte sie mich: »Ähm, sind deine Antworten ehrlich gemeint?«

Da ihr der sonst nur mit Feinsinn wahrnehmbare Unterton fehlte, bejahte ich, ohne zu zögern: »Selbstverständlich! Du hast mich doch gebeten, offen und glaubwürdig zu antworten“.

»Kann ich davon einiges in meiner Sendung verwenden?«, erkundigte sie sich weiter. Flüchtig überflog ich die drei Fragen. Die erste lautete:

Sie sind Hausfrau und seit zehn Jahren verheiratet. Ihr Mann kommt hungrig von der Arbeit nach Hause. Was tun Sie?

a) Sie kochen ihm ein köstliches Mahl.

b) Sie teilen ihm mit, auf welcher Seite des Kochbuches das Rezept für einen Rollbraten steht, und stellen schon mal die Töpfe bereit. Sie haben schließlich auch Hunger.

Ich hatte b angekreuzt.

In der zweiten Frage hieß es:

Ihr Mann kommt unerwartet nach Hause.

c) Nutzen Sie die Gelegenheit, um mit ihm gemeinsam das neue Kamasutra-Buch auszuprobieren?

d) Fordern Sie ihn auf, endlich Ihre Blusen und Kleider zu bügeln? Schließlich bügelt er seine Hemden ja auch.

Hier war d für mich eindeutig die richtige Wahl.

Bei der dritten Frage hatte ich einige Zeit überlegt. Doch dann wurde mir schnell klar, dass nur f infrage kommen konnte.

Ihr Mann lädt Sie nach fünf Jahren Ehe am Abend nach der Arbeit zum Essen in ein teures Restaurant ein.

e) Sie freuen sich über seine Spontanität und gehen mit.

f) Sie nutzen die Gelegenheit, um endlich das Schlafzimmer in Mitternachtsblau zu streichen.

Auf dem Weg nach Hause verflüchtigte sich meine gute Stimmung genauso schnell wie die Hoffnung, wieder einen Sitzplatz im überfüllten Bus zu ergattern. Eingezwängt zwischen lautstarker Handymusik und desinteressiert aus dem Fenster starrenden Mitbürgern überschlugen sich meine Gedanken. Was wollte Brigitte mir zum Abschied eigentlich sagen? Einerseits hatte sie sich wie ein kleines Mädchen zu Weihnachten über meine ausgefüllten zwanzig Fragen gefreut. Andererseits gratulierte sie mir an der Tür zu meinem Ehemann, der nach neunzehn Ehejahren bis heute nicht in Nachbars Garten wildert.

In derselben Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Die mahnenden Worte meiner Freundin zogen wie in einer Dauerschleife durch meinen Kopf: Ich solle aufgrund meines Fragebogens über kurz oder lang meine Einstellung zur Ehe überdenken, wenn ich nicht eines Tages ohne Ernährer dastehen wolle.

Aber was sollte ich überdenken? Wir sind beide keine Gefühlsmenschen. Waren es nie gewesen. Klaus-Peter kommt ja selbst nicht ständig angerannt. Das letzte Mal hatte er mich umarmt, als ich mich an einer Fischgräte verschluckte. Vor sieben Jahren.

Je länger ich grübelte, desto hartnäckiger begannen sich die Zweifel wie ein Wurm im faulen Apfel in meinem Hirn festzufressen.

Was, wenn er irgendwann trotz des eigenen Kirschbaums nach fremden Früchten giert? Erwartet er Koseworte von mir – so wie sein Chef, der von seiner Frau nur »mein Sahnehäubchen« genannt wird?

Soll ich meine Kleiderwahl überdenken? Mich schminken? Nach stundenlangem Hin- und Her wälzen beschloss ich, dass es nicht schaden könne, meinem Mann meine andere, bessere Seite zu zeigen. Ich begann sofort zu handeln. Ich ging ins Bad und klebte auf den Spiegel, sein Deodorant, den Rasierpinsel und die Zahnpastatube winzige blaue Zettel, die ich zuvor in mühevoller Kleinarbeit beschriftet hatte:

„Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht.“ Anschließend legte ich mich wieder ins Bett. Als Hausfrau schlafe ich gern bis zehn Uhr; mein Mann ist es gewohnt, sein Frühstück allein zuzubereiten.

Verstimmt stand er gegen acht Uhr vor meinem Bett.

»Was ist denn in dich gefahren, mir meine Badutensilien so zu verschandeln? Gab es die blauen Zettel im Sonderangebot?«

Anfangs wollte ich in mein altbekanntes Schema zurückfallen und ihn abkanzeln, was er so früh am Morgen an meinem Bett zu suchen habe. Doch dann besann ich mich auf meine nächtlichen Vorsätze.

»Ich wollte dir damit für die vielen schönen Jahre an deiner Seite danken«, hauchte ich. »Darüber hinaus habe ich mir vorgenommen, dich ab heute besser zu behandeln, mein Schnuckelchen. Ich will schließlich nicht riskieren, dass du irgendwann fremde Kirschen naschst.«

Mein Mann schaute mich völlig verwirrt an.

»Seit wann esse ich Kirschen? Hast du vergessen, dass ich auf Steinobst allergisch reagiere?«, schnaubte er grantig.

Frohsinn durchzuckte mich. Das hatte ich doch völlig versiebt! Klaus-Peter aß überhaupt keine Kirschen. Ich nahm mir fest vor, bei passender Gelegenheit ein kritisches Wort mit Brigitte über ihre unpassenden Vergleiche zu wechseln.

»Ich weiß doch, mein Schnuckelchen«, erwiderte ich erleichtert, »es war nur so eine Redensart von mir«, versuchte ich ihn zu beschwichtigen.

»Nenn mich noch einmal Schnuckelchen und ich nehme dir die Kreditkarte weg!«, fauchte er, keineswegs besänftigt, während er die Schlafzimmertür hinter sich ins Schloss zog.

Nach zwei Wochen allerhöchster Anstrengung zog ich Resümee. Das Ergebnis war niederschmetternd. Ich hatte eindeutig mehr Anerkennung für meine neue Unterwürfigkeit erwartet.

Denn als ich morgens extra aufstand, um ihm das Frühstück zuzubereiten, und damit begann, seine Pausenbrote mit Tomatenherzen zu dekorieren, warf er mich nach drei Tagen hochkant aus der Küche.

Nachdem ich ihm allmorgendlich seine frisch geputzten Schuhe bereitstellte, versteckte Klaus-Peter kurzerhand die Schuhcreme. Und als ich im teuren und ungewohnt winzigen blauen Negligé, mit seinem Aktenkoffer in der Hand, an der Wohnungstür stand, raunte er fuchsteufelswild:

»Seit wann kaufst du deine Sachen in der Kinderabteilung? Außerdem steht dir Blau nicht! Ich habe dir mehrmals gesagt, dass es mir egal ist, wie viel Geld du für Klamotten ausgibst. Nur passen müssen sie. Kaufe dir gefälligst Sachen in deiner Größe, egal was sie kosten!«

Ich zog das Negligé aus und schlüpfte dankbar zurück in meine Schlabberhose und das dazugehörige, ausgebleichte Shirt. Trotz allem wollte ich mir nun nichts mehr vormachen: Wir sind, wie wir sind. Mir wurde von Mal zu Mal bewusster, dass wir uns einfach in festgefahrenen, aber gemütlichen Gewohnheiten bewegten. Auch meine Anstrengungen, abends ein ordentliches Essen bei schön gedecktem Tisch und leiser Musik zu zaubern, rissen meinen Mann nicht aus seinem alten Fahrwasser.

Es ist ganz simpel: Wir können nicht werden, was wir nie waren. Wir sind gemeinsam gealtert und wollten uns nie gegenseitig ändern. Wir lieben uns so, wie wir sind. Alles andere irritiert uns nur.