Ausflug mit Hund
Es gibt Tage im Leben eines jeden Menschen, an denen er sich fragt, warum er überhaupt geboren wurde. Warum er morgens nicht einfach im Bett geblieben oder weshalb er nicht als eine andere Person zur Welt gekommen ist. Am besten mit viel Geld, sodass man nicht gezwungen ist, jeden Tag in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, um zur Arbeit zu fahren.
Genau diese Gedanken surrten Isabel durch den Kopf, als sie das Büro abschloss, um müde und hungrig nach Hause zu fahren.
Isabel, Mitte vierzig – „noch vorzeigbar“, wie ihr neunzehnjähriger Sohn zu sagen pflegte –, fühlte sich an diesem Tag wie hundert.
Sie wollte nur noch nach Hause, ein heißes Bad nehmen, etwas Leckeres essen und sich den Fernsehabend mit einem Glas Wein verschönern. Ihr Ehemann würde erst spät nach Hause kommen. Also warum jetzt noch Stress machen?
Der trübe Novembernachmittag trug auch nicht gerade dazu bei, ihre miese Stimmung zu heben. Billy, der dreijährige Labradorrüde, würde schon ungeduldig warten. Er wusste immer ganz genau, zu welcher Uhrzeit er seinen Posten auf dem Wohnzimmersessel am Fenster einzunehmen hatte. Es war, als spürte er exakt, wann seine Familie nach Hause kam, um endlich mit ihm Gassi zu
gehen.
Zu Hause angekommen ließ Isabel ihr Auto vor dem Gartentor stehen. Sie hatte keine Lust, bei diesem trüben Wetter noch stundenlang mit dem Hund über die Wiesen zu laufen. Da war es schon besser, ihn gleich ins Auto zu packen und zum Wald zu fahren, rechtfertigte Isabel ihre Bequemlichkeit.
Wie fast immer hatte sie Mühe, das Tier zu bändigen, als sie die Haustür aufschloss. Billy sprang vor Freude, sein Frauchen wiederzusehen, wie ein Besessener an ihr hoch. Sie griff sich noch schnell einen Apfel aus der Obstschale im Wohnzimmer, legte eine Decke auf den Rücksitz, ließ den immer noch vor Freude rasenden Hund hineinspringen und fuhr los.
Sie brauchte nicht weit zu fahren, da ihr Haus außerhalb Berlins, praktisch schon in Waldesnähe, lag. Kaum hatte sie die Autotür geöffnet, war der Rüde auch schon im Dickicht des Waldes verschwunden.
Sie nahm die Hundedecke und schlenderte zu einem umgestürzten Baum. Dort breitete sie die Decke über den feuchten Stamm, um sich zu setzen. Mit knurrendem Magen biss sie in den Apfel und zog fröstelnd die Schultern zusammen. An Tagen wie diesen, wenn es trübe und kalt war, verwünschte sie die Idee, sich einen Hund angeschafft zu haben. Bei Wind und Wetter draußen herumzurennen, während andere gemütlich in der warmen Wohnung saßen, war im Moment nicht die Erfüllung ihrer Träume.
Missmutig warf sie die Überreste des Apfels ins Unterholz. Obwohl sie zu frieren begann, blieb sie sitzen. Billy sollte noch ein wenig herumstöbern. Letztendlich konnte er ja nichts dafür, dass sie heute schlecht gelaunt war, weil ihr Chef den ganzen Tag herumgenörgelt hatte.
An allem hatte er etwas auszusetzen gehabt: am ständigen Klingeln des Telefons, am Kaffee, am Mittagessen in der Kantine. Dabei war alles wie immer, fasste sie den Tag rückblickend zusammen
Ist doch nicht meine Schuld, wenn ihm die Frau weggelaufen ist, dachte Isabel. Den hätte ich gar nicht erst genommen – unmöglich, wie der sein kann. So ein Blödmann.
Nachdem Isabel endlich beschlossen hatte, den unerfreulichen Tag hinter sich zu lassen, rief sie den Hund und fuhr los. Da der Nebel zugenommen hatte, fuhr sie langsam. Leichter Nieselregen hinderte sie ebenfalls an einer guten Sicht.
Plötzlich fing der Hund laut an zu bellen. Erschrocken riss sie das Lenkrad nach rechts, um am Straßenrand stehen zu bleiben
Nach einer anfänglichen Benommenheit stellte sie fest, dass ihr und Billy nichts passiert war. Schimpfend drehte sie sich zu dem Tier um, um herauszufinden, warum er sich wie verrückt aufführte. Er war zur hinteren rechten Tür gerobbt und bellte nun noch lauter.
Ärgerlich stieg sie aus dem Wagen. Am liebsten hätte sie dem Hund das Fell gegerbt, so eine Wut hatte sie auf ihn. Billy war blitzschnell aus dem Auto heraus. Verärgert rief sie ihm zu, er solle endlich still sein. Doch nichts half. Er stand am vorderen Teil des Fahrzeugs, bellte und knurrte abwechselnd
Neugierig geworden schaute Isabel nach, was Billy so in Rage gebracht hatte. Verblüfft stellte sie fest, dass eine Igelmutter und ihr Junges hinter dem linken Vorderrad Schutz vor dem wütenden Hund gesucht hatten.
Das glaubt dir kein Mensch, dachte sie. Schnell holte sie ihr Handy aus dem Handschuhfach und fotografierte die kleine Familie. Schließlich sperrte sie Billy wieder ins Auto und wartete, bis Mutter und Kind das schützende Vorderrad verlassen hatten.
Die letzten Meter bis nach Hause fuhr sie im Schneckentempo. Als sie in die Einfahrt einbog, stellte sie erstaunt fest, dass die Wohnung erleuchtet war. Nachdem sie das Auto in der Garage abgestellt hatte, betrat sie gemächlich den Hausflur und bemerkte verblüfft, dass angenehme Düfte durch das Haus zogen. Ihr Mann hatte bereits das Abendessen zubereitet. Sie wurde erwartet. Der Hund gebärdete sich wie toll, als er sein Herrchen bemerkte.
Sein Rudel war wieder komplett, wie jeden Abend. Zufrieden schleckte er an seinem Wassernapf, um danach zu Isabel zu laufen. Diese öffnete soeben den Reißverschluss ihrer Stiefel.
Der Hund stupste sie an. Sein treuer Hundeblick schien zu sagen: „Hey, wo bleibt mein Leckerli? Schließlich bin ich ein Held. Ich habe heute einer Igelfamilie das Leben gerettet!“
Isabel strich dem Tier über den Kopf. Und wieder einmal wusste sie, dass es gut war, einen Hund zu haben
Er freut sich immer über uns. Egal, ob wir schlechter Laune sind, ob wir mit ihm schimpfen, weil er nicht gehorchen wollte, oder ob wir zu spät nach Hause kommen, überlegte sie, als sie die Stiefel von den Füßen streifte. Als sie endlich zum Esstisch schlenderte, um den köstlichen Hackbraten ihres Mannes zu genießen, folgte ihr der Hund, um sich treu zu ihren Füßen zu legen
Gedanken der Leserinnen und Leser
Kommentare
Alle Kommentare werden vor der Veröffentlichung von Karin geprüft.
Noch keine freigegebenen Kommentare.