Die erste Liebe
Rita, sechzehn Jahre jung, hatte ihren Schulabschluss in diesem Sommer mit Ach und Krach hinter sich gebracht und genoss nun ihre letzten Ferientage. Ab September würde sie eine Ausbildung zur Friseurin beginnen – und das mit einem Notendurchschnitt von 3,5 Punkten. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, dass die Salonmeisterin beide Augen zugedrückt und sie trotz der schlechten Noten eingestellt hatte. Rita hatte sich bei den Probearbeiten besonders viel Mühe gegeben und die Frisur an der Übungspuppe außerordentlich schön gestaltet.
Endlich würde sie der bedrückenden Enge des kleinen brandenburgischen Dorfes entkommen. Weg von dem ewigen Getuschel der Leute, für die sie ohnehin immer nur Flausen im Kopf hatte und die glaubten, Rita hielte sich für etwas Besseres. Nach Auffassung der Dorfgemeinschaft sollte sie froh sein, wenn sie einen anständigen Kerl aus der Gegend abbekam, der bereit war, einem armen Mädchen aus einer Großfamilie ein vorzeigbares Heim zu bieten.
Doch Rita hatte andere Pläne. Auf gar keinen Fall wollte sie das schwere Los ihrer Mutter und Großmutter als Landarbeiterin teilen. Sie sehnte sich heraus aus der Enge, weg von der Mutter, die ständig über ihr schweres Leben jammerte und ihre Ohnmacht fast täglich an Rita ausließ. Erst am vergangenen Wochenende hatte sie das Mädchen mit einem Besenstiel dermaßen geschlagen, dass dieser auf dem Rücken der Jugendlichen zerbrach.
Und es gab noch einen Umstand, den sie unbedingt klären musste. Noch heute wollte sie Frank, ihrem ersten Freund, sagen, dass sie nach den Sommerferien täglich in die Stadt pendeln würde, um ihre Lehre zu beginnen. Sie ahnte, dass es ein schwieriges Gespräch werden würde. Frank wollte unbedingt auf dem Land bleiben, Rita so schnell wie möglich heiraten und eine große Familie gründen.
Sie hatte keine Vorstellung davon, dass er bereits Verlobungsringe gekauft hatte und sie damit in einem gemütlichen Restaurant in der Kreisstadt überraschen, wollte
Da die Verlobung eine Überraschung sein sollte, hatte Frank seine Abneigung überwunden, abends in die Stadt zu fahren. Ausnahmsweise hatte er für diesen Freitag einen Tisch beim Italiener reserviert. Schließlich sollte es ein perfekter Auftritt werden.
Beide genossen die abendliche Autofahrt durch kleine Dörfer und über schattige Landstraßen in die Stadt. Der heiße Sommertag verdämmerte im Abendlicht. Leise Musik aus dem Autoradio lud zum Träumen ein.
Zärtlich legte Frank seine rechte Hand auf Ritas Knie. Er war ein stattlicher, schlanker junger Mann, der viel Wert auf sein Äußeres legte. Das schwarze, gepflegte Haar fiel ihm in leichten Wellen bis auf die Schultern. Seinen Händen sah man die schwere Landarbeit nicht an
„Wie hübsch du heute wieder aussiehst. Ich mag es, wenn du die Kleider trägst, die ich dir gekauft habe.
“Rita senkte verlegen den Kopf. Ihr langes, blondes Haar, das sie offen trug, fiel ihr dabei ins Gesicht. Schamhaft strich sie sich ein paar Strähnen hinter die Ohren. Es war ihr unangenehm, dass Frank ihre Kleidung bezahlte. Doch von ihren Eltern war nichts zu erwarten – zu Hause gab es zehn Mäuler zu stopfen.
Frank machte es nichts aus, für seine Freundin zu sorgen. Sie würden ja sowieso eines Tages heiraten.
„Schön, wenn ich dir gefalle. Ich habe es extra für dich angezogen“, erwiderte Rita. „Meiner Mutter war das überhaupt nicht recht. Sie meinte, der Rock sei viel zu kurz und die Schuhe zu hoch. Aber als ich ihr sagte, dass du darauf bestehst, gab sie nach. Aber lass uns nicht von meinem Kleid reden. Sag mir lieber, was für eine Überraschung auf mich wartet.
“Franks braune Augen blitzten schelmisch auf.
„Sei doch nicht so ungeduldig. Wir sind gleich da. Dann wirst du schon sehen, was ich heute vorhabe.
“Behutsam lenkte er den Wagen auf den Parkplatz vor dem Restaurant. Erstaunt blickte Rita zu ihm hinüber.
„Sag bloß, du lädst mich zum Essen ein? Da wirst du dir ja wieder eine schöne Predigt von deiner Mutter anhören können. Erst gestern hat sie meiner Mutter vorgeworfen, ich sei verschwendungssüchtig
“Frank rollte mit den Augen. „Können wir das Thema jetzt bitte beenden? Ich möchte heute einen schönen Abend mit dir verbringen. Unsere Mütter sind zu Hause.
“Im Restaurant stellte Rita überrascht fest, dass der Kellner sie zu einem reservierten Tisch führte. Er war liebevoll für zwei Personen dekoriert. Eine geschwungene, brennende Kerze ließ die roten Rosen in der Vase nostalgisch schimmern.
Rita und Frank genossen ihr Essen. Frank betrachtete gerührt seine hübsche Freundin, die sich genüsslich ein Stück Fleisch in den Mund schob.
„Schmeckt es dir?“, fragte er lächelnd. „Komm, wir bestellen uns noch ein Glas Sekt. Ich will endlich meine Überraschung loswerden Rita lächelte schelmisch. „Noch eine Überraschung? Ich dachte, der schöne Abend hier wäre schon die Überraschung.“
Frank hob den Arm, um dem Kellner zu winken. „Nein, das Essen ist nur die Einleitung. Ich habe etwas viel Schöneres für dich.“
Er nahm Ritas linke Hand und streichelte sie zärtlich. „Ich habe heute mit meinem Vater gesprochen. Du kannst gleich nach den Ferien bei uns anfangen. Erst einmal in der Landwirtschaft und später dann in der Küche. Eine Lehre brauchst du nicht, du verdienst also sofort Geld.
Und hier ist meine echte Überraschung.
“Frank fasste in seine obere rechte Jackentasche und holte ein kleines, blaues Kästchen hervor. Seine Augen leuchteten, als er Rita das hübsche Päckchen rüberschob. „Hier, mach es auf.“
Wie versteinert saß Rita da. Ihre Augen sahen ihn verständnislos an. „Du hast was? Wieso hast du mit deinem Vater gesprochen? Du weißt doch ganz genau, dass ich nicht im Dorf bleiben will! Wir haben doch schon tausendmal darüber gesprochen.“
Vor Wut wurde Rita immer lauter. Einige Gäste blickten bereits neugierig zu dem jungen Paar hinüber.
Beschwichtigend hob Frank die Hand. „Nun reg dich doch nicht so auf! Und sei bitte etwas leiser, die Leute gucken schon. Wir können ja später noch einmal darüber reden. Mach lieber das Kästchen auf!“
Rita holte tief Luft, bevor sie neugierig das kleine Etui öffnete. Sprachlos wanderte ihr Blick von den zwei schmalen Goldreifen im Samt hinauf zu Frank. „Das sind ja Verlobungsringe! Wollen wir uns etwa verloben? Hier und jetzt? Darüber haben wir doch noch nie gesprochen!“
Unbehaglich und völlig überrumpelt trank sie einen großen Schluck Sekt, den der Kellner inzwischen gebracht hatte.
Frank war tief enttäuscht über Ritas Reaktion. Er hatte gehofft, dass sie mehr Begeisterung zeigen würde. Eine Verlobung bedeutete doch, dass man danach heiratete – und das wollte er unbedingt. Er wollte Rita und keine andere Frau an seiner Seite. Gekränkt hob er sein Glas und trank es in einem Zug leer.
„Freust du dich denn gar nicht? Ich habe Monate gebraucht, um die richtigen Ringe zu finden. Bei deinen schmalen Händen war das gar nicht so einfach.“
Rita rutschte unglücklich auf ihrem Stuhl hin und her. Ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen. Niedergeschlagen dachte sie an die Konsequenzen für ihr weiteres Leben. Niemals würde sie dem Landleben entrinnen können, wenn sie jetzt nachgab. Außerdem hatte sie bereits einen Lehrvertrag als Friseurin unterschrieben. Vor ihrem inneren Auge sah sie die Zukunft plastisch vor sich: Tag für Tag schwere Arbeit auf dem Feld und im Stall, dazu eine Schwiegermutter, die sie wegen ihrer ärmlichen Herkunft ablehnte.
„Nein, Frank, ich freue mich absolut nicht. Die Ringe sind zwar wunderschön, aber warum hast du mich nicht vorher gefragt? Du weißt doch, dass ich nicht auf dem Land bleiben will. Ich möchte in die Stadt. Lass uns beide gehen!“
Frank hob erneut den Arm, um den Kellner heranzuwinken. „Heißt das, du willst nicht? Ich verstehe dich einfach nicht! Warum willst du unbedingt in die Stadt? Wir könnten bei meinen Eltern wohnen, bräuchten keine Miete zu zahlen und du müsstest nicht jeden Tag so weit pendeln. Ich will im Dorf bleiben. Mit dir zusammen!“
Wütend nahm er dem Kellner, der inzwischen am Tisch stand, um nachzuschenken, die Sektflasche aus der Hand.
„Ist schon gut, wir nehmen die Flasche ganz!“, raunzte er den Mann an, der geflissentlich und schnell den Rückzug antrat.
Erschrocken beobachtete Rita Franks Benehmen. So unbeherrscht hatte sie ihren sonst so sanftmütigen Freund noch nie erlebt. Traurig sah sie ihn an. So hatte sie sich den Abend nicht vorgestellt. Wenn er glaubt, dass ich stillschweigend und ergeben seine Frau werde, hat er sich geschnitten, dachte sie aufgebracht. Aufkeimende Wut trieb ihr rote Flecken ins Gesicht. „Du setzt dich einfach über meine Wünsche hinweg, obwohl du ganz genau weißt, dass deine Mutter mich nicht ausstehen kann! Ich will meine eigene Wohnung, mein eigenes Leben!“
Aufgeregt nippte Rita an ihrem Sektglas. „Und dann diese Verlobung. Ich bin doch erst sechzehn Jahre alt, ich will mich noch nicht binden. Jetzt noch nicht!“
Frank wurde so weiß wie die Wände des Restaurants. „Ich wusste es schon immer. Meine Mutter hat recht: Du hast einen anderen!“ Brennende Eifersucht ließ seine Augen lodern. „Ich werde niemals zulassen, dass du in die Stadt gehst. Du gehörst zu mir. Kein anderer wird dich kriegen!“
Sprachlos starrte Rita ihn an. Dann nahm sie ruhig ihr Sektglas und schüttete ihm den Inhalt ohne ein weiteres Wort mitten ins Gesicht. „Wenn deine Mutter alles schon vorher weiß, wieso sind wir dann überhaupt hier? Und was heißt hier 'kriegen'? Bin ich dein Eigentum oder was?!“
In ihrem leidenschaftlichen Zorn stand sie ruckartig auf, ohne darauf zu achten, dass sich die Tischdecke in den Riemen ihrer Handtasche verfangen hatte. Mit lautem Klirren und Gepolter riss sie die gesamte Dekoration mit zu Boden. Im Restaurant wurde es mucksmäuschenstill. Rita hatte das Gefühl, dass alle Augen scharf und schadenfroh auf sie gerichtet waren. Innerlich wand sie sich vor Scham. Was hatte sie nur angerichtet?
Entgeistert starrte er Rita hinterher, die fluchtartig das Restaurant verließ. Niedergeschlagen sammelte er die Ringe vom Fußboden. Dann setzte er sich an einen anderen Tisch und betrank sich fürchterlich, unfähig zu verstehen, dass man einen Menschen nicht besitzen kann, um ihn zu lieben. Es war das Ende einer ersten großen Liebe – und für Rita der Beginn ihrer Freiheit.
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