Enkeltrick mal anders:

Warum die Versicherung nicht alles zahlt

Bis vor einem Monat war meine Welt im Lot. Ich hatte alles: Ehemann, Haus, Garten, Tochter und einen neunjährigen Enkel. Heute bin ich allein.

Zugegeben, ich hätte meinen Enkel rechtzeitiger entfesseln sollen. Aber seine Mutter musste uns ja unbedingt vorzeitig überraschen. Mein Mann war da schon ausgezogen. Dass uns seither auch die Nachbarn meiden, ist da nur noch Nebensache.

Wie alles kam?

Eigentlich ist Tom ein liebes Kind – behauptet jedenfalls meine Tochter Lea. Ich konnte das bisher nicht beurteilen. Die Familie lebt in England auf einem prachtvollen Anwesen mit Meerblick. Bei unserem letzten Treffen schiss Tom noch in die Windeln.

Vor drei Wochen dann der Schock:

Lea stand verheult vor der Tür. „Mami, ich brauche Urlaub von Kind und Mann. Hier ist dein Enkel. Ihr werdet euch super verstehen. Ich bin dann mal für drei Wochen auf den Malediven! “Und schon war sie weg.

Optisch ist Tom ein kleiner Engel. Praktisch hatten wir Startschwierigkeiten. Er spricht zwar perfekt Deutsch, ignoriert die Verhaltensregeln von Oma und Opa aber konsequent. Dass kleine Jungs so extrem „wissbegierig“ sind, war mir neu. Ich habe ja nur eine Tochter großgezogen. Die Quittung bekam ich an Tag eins. Wir saßen im Garten, ich las friedlich Märchen vor – und Tom fing an zu quengeln.

Omi. Mir ist langweilig. Ich habe keine Lust auf Schneewittchen mit ihren blöden Zwergen. Die sind echt uncool. Ich will auf den Spielplatz, zu den anderen Kindern?“

Ich ließ ihn gehen. Der Spielplatz liegt gleich um die Ecke.

Er nahm seine neuen Inline-Skater mit.

Eine Stunde später brachte ein Polizist den Kleinen nach Hause. Tom war barfuß und verdreckt. Seine Hosenbeine, die in Fetzen an ihm hinunterhingen, sowie die Inline-Skater waren verkohlt. Tom hatte sich unbemerkt mein Haarspray stibitzt und damit Staubbällchen auf dem Kinderspielplatz besprüht. Danach fuhr er so lange auf den von ihm markierten Pfad auf und ab, bis sich die Bällchen entzündeten. Ich hatte zwar die Feuerwehr kommen gehört, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass Tom soeben den wunderbaren, neuen Holzspielplatz abgefackelt hatte.

Ich habe den Schaden noch am selben Abend meiner Haftpflichtversicherung gemeldet.

Nur zwei Tage später war der Mercedes meines Mannes an der Reihe – Totalschaden durch Brand. Richard hatte das Auto mit offenem Schiebedach in der prallen Sonne stehen lassen. Seine Wut kannte keine Grenzen, als er die Brandursache auf dem verkohlten Fahrersitz entdeckte: eine Lupe. Genau die Lupe, die er einen Tag zuvor nichtsahnend seinem lieben Enkel überlassen hatte.

Seufzend reichte ich die nächste Schadensmeldung bei der Versicherung ein.

Richards Wut kannte keine Grenzen. „Das ist kein normales Kind. Wir beherbergen einen gemeingefährlichen Feuerteufel!“, schrie er. „Lass ihn nur noch eine Sekunde aus den Augen, und ich garantiere für nichts! “

Fassungslos starrte er auf das verkohlte Wrack. Für dieses Auto hatte er sich jeden Cent vom Mund abgespart. Eigentlich von unserem gemeinsamen Mund. Schließlich war es sein ewiges Meckern, das mein Budget kürzte: „Schon wieder Friseur? “„Wozu brauchst du ständig neue Kleider?“

Mein letztes neues Kleid stammte noch von Toms Taufe.

Um das nächste Desaster abzuwenden, schob ich Tom ins Wohnzimmer. Mein neuer Fulltime-Job: Enkel-Überwachung. Natürlich klingelte genau jetzt das Telefon in der Küche. „Du bleibst auf diesem Stuhl sitzen und rührst keinen Finger!“, befahl ich ihm mit meinem strengsten Oma-Blick. Am Apparat war die Versicherung. Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, dem misstrauischen Sachbearbeiter zu erklären, dass wir keine kriminellen Feuerteufel sind, die ihre eigene Existenz abfackeln, sondern einfach nur Großeltern auf Sommerbesuch.

Ich wollte gerade das Fenster schließen, um den Nachbarn meine Schimpftiraden zu ersparen, da passierte es: Mein Göttergatte, der immer noch deprimiert neben seinem Autowrack hockte, schnellte wie von der Tarantel gestochen in die Höhe. Sein Blick war purer Unglaube. Er starrte auf unsere Haustür, die sich soeben selbstständig gemacht hatte. Mit ohrenbetäubendem Krachen aus den Verankerungen gerissen, segelte sie im Tiefflug haarscharf an seinem Kopf vorbei.

Eine meterhohe Flutwelle spülte Sessel und Teppiche aus unserem Wohnzimmer direkt in den Garten. Den krönenden Höhepunkt bildete unser neues Wasserbett, das wie ein führungsloses Schlauchboot auf den Wassermassen herantänzelte. Plötzlich fiel es mir wieder ein:

Am Vorabend hatten sich mein Mann und sein Enkel lautstark darüber gestritten, ob diese Betten wirklich unkaputtbar sind. Tom hatte das Experiment wohl soeben erfolgreich beendet. Ergebnis: Nein, sind sie nicht. Meine Stimme am Telefon gefror zu Eis. Ich stammelte eine peinliche Entschuldigung für meinen emotionalen Ausbruch und legte einfach auf.

Als ich zwei Stunden später erneut anrief, um den Wasserschaden zu melden, war der Vertreter äußerst kurz angebunden. Er teilte mir trocken mit, dass seine Agentur von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch mache. Aufgrund der plötzlichen Schadenshäufung wolle man uns ab sofort nicht mehr als Kunden betrachten.

Bereits am nächsten Morgen kontaktierte ich eine neue Versicherung und bat um einen sofortigen Vorort-Termin. Keine dreißig Minuten später stand der Vertreter auch schon auf unserer Fußmatte. Meine Schilderung der letzten Katastrophen ließ ihn sichtlich schlucken. Als er jedoch die Chance sah, mir das Doppelte der normalen Versicherungsprämie aufzudrücken, hellte sich seine Miene schlagartig auf.

Ich lehnte dankend ab. Als er vom Hof fuhr, starrte ich ihm nur noch entgeistert hinterher. Glasmurmeln im Tank machen beim Fahren nämlich eine Menge Lärm.

Wie gesagt: Meine Tochter fand es überhaupt nicht lustig, ihren Sohn gefesselt und geknebelt vorzufinden. Aber nachdem es ihm auch noch gelungen war, unsere einbruchssicheren Verbundfenster einzuschlagen, wusste ich mir einfach keinen Rat mehr. Meine braungebrannte, tiefenentspannte Tochter bekam auf der Stelle einen Tobsuchtsanfall: „Du hast ja keine Ahnung, wie man mit Kindern umgeht! Kinder müssen sich ausleben und ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Es schadet ihnen, wenn man sie permanent mit unnötigen Verboten traktiert!“

„Was für Verbote denn?“, versuchte ich mich schwach zu wehren. „Tom kennt dieses Wort doch gar nicht!“

Als meine Tochter mit Tom im Schlepptau das Haus verließ, säuberte ich als Erstes die Küche. Ich brauchte jetzt dringend Nervennahrung! Für den geplanten Apfelstrudel genehmigte ich mir erst mal einen kräftigen Schluck Eierlikör, der eigentlich als Topping gedacht war, und heizte den Ofen vor. Leider hatte ich vergessen, vorher einen Blick hineinzuwerfen. Lego-Bausteine und Plastikspielzeug vertragen absolut keine Ober- und Unterhitze.

Zwei Tage nach Toms Auszug versuchte ich, meinen Mann am Telefon zur Rückkehr in unser trautes Heim zu überreden. Er lehnte schlichtweg ab. Richard befürchtete, dass unser Enkelsohn in Kürze wieder bei uns auftauchen könnte. Er sollte recht behalten.

Exakt eine Woche später stand mein Schwiegersohn wieder auf der Matte – mit Tom im Schlepptau. Meine Tochter verbrachte die Zeit im Krankenhaus, nachdem Tom eigenmächtig den neuen Aufsitzmäher getestet hatte. Man durfte dem Jungen keinen Vorwurf machen: Seine Mutter hatte sich ja selbst in den Weg geworfen, um den Traktor vor dem Sturz von den Klippen zu stoppen. Die Ärzte gaben sich optimistisch. Beinprothesen fallen unter langen Hosen schließlich kaum auf.