Während meines Fernstudiums gab es zahlreiche Themen, die aufforderten, Geschichten zu erfinden. Dieses Mal lautete das Thema:

Eine Storry nach Bild erfinden.

Es ist ein Foto, auf dem ein etwa 10-jähriger Junge vor der Kulisse riesiger Berggipfel steht. Er lacht fröhlich trägt einen kecken spitzen Tirolerhut, sowie einen Rucksack auf dem Rücken

Er stützt sich auf einen knorrigen Ast, seinem Wanderstab, der ihn in der Länge überragt. Dazu trägt er dicke Wanderschuhe, er steht auf einer blumigen Wiese, im Hintergrund die hohen Berge und dicker Waldbewuchs, neben sich Bylli den Labrador. Ich siedelte die Geschichte im bayrischen Wald an

Viel Spaß beim lesen

Ferien im Bayrischen Wald

Die Gardinen bewegten sich leise im Morgenwind. Am offenen Fenster ließ sich in aller Ruhe und ohne Hast eine Spinne, ihr Netz dabei webend, auf das Fensterbrett nieder. Von draußen hörte man die alltäglichen morgendlichen Geräusche eines Bauernhofes. Der Tag war erwacht.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel und wanderte langsam von der rechten Zimmerhälfte in Richtung Spielzeugregal. Dort saßen dicht aneinander gereiht eine Vielzahl von Plüschtieren. Kinderbücher, Legosteine und Matchboxautos stapelten sich in den Fächern. Neben dem Spielzeugregal lag ein Rucksack, ein grüner Hut aus Filz mit einer Falkenfeder verziert, sowie ein geschnitzter Wanderstock.

Der Rucksack war umgefallen. Sein Inhalt ergoss sich bunt

durcheinander auf den Fußboden. Tannenzapfen, getrocknete Pflanzen und Blumen verströmten einen angenehmen Duft.

Jan war gerade aufgewacht und träumte vor sich hin. Er hatte noch keine Lust aufzustehen. Am Nachmittag würden seine Eltern kommen und ihn mit nach Hause nehmen. Einerseits freute er sich schon wieder auf seine Freunde in Berlin, andererseits würde er die Großeltern erst wieder im nächsten Sommer besuchen können.

Wie jedes Jahr, verbrachte Jan drei Wochen seiner Sommerferien in Ottenzell, direkt im Bayrischen Wald.

Die Großeltern hatten einen riesigen Bauernhof mit Kühen, Schweinen, Hühnern, Enten, Katzen und Hunden.

Jan war ein schmächtiges, stets kränkelndes Kind. Seine Eltern waren immer heilfroh darüber, dass ihr Sohn gern zu den Großeltern fuhr, um sich dort zu erholen. Jan liebte das Leben auf dem Land mit seinen vielen Tieren.

Er drehte sich noch einmal im Bett herum und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Nur sein Gesicht ließ er frei.

Er beobachtete die Spinne im Fenster und gab sich seinen Gedanken hin. Von draußen war das aufgeregte Gackern der Hühner und das Schnattern der Enten zu hören. Jan wusste, dass die Großmutter dabei war, die Tiere zu füttern. Großvater war sicherlich schon auf dem Feld.

Er hörte, wie seine Großmutter ärgerlich nach dem Hund rief. Jan grinste vor sich hin. Lebhaft stellte er sich vor, wie Billy, ein Labrador, die Gänse vom Rande des Teiches nahe der Scheune, verjagte.

Jeden morgen, wenn der Hund aus dem Haus gelassen wurde, war seine erste Handlung „Gänse ärgern.“ Ihm machte es einfach Spaß, die Tiere vom Teichrand wegzujagen, um dann selbst in das Wasser zu springen.

Jan ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Er nahm die Sonnenstrahlen war, die sich jetzt auf einem großen Foto spiegelten. Der Großvater hatte diese Aufnahme am letzten Samstag, bei einem Ausflug in den bayrischen Wald gemacht und dann in einem Rahmen an die Wand gehängt.

Auf dem Foto stand Jan lachend auf dem Gipfel des Kaitersberg, seinen Rucksack auf dem Rücken, in der rechten Hand den Wanderstock des Großvaters.

Jan kuschelte sich tiefer in sein Bett, um das Bild weiter zu betrachten. Dabei ließ er den Samstag noch einmal an seinem geistigen Auge vorüberziehen.

Schon früh am Morgen fuhren sie mit dem Auto bis nach Arrach, um von dort auf den Kaitersberg zu wandern. Der Aufstieg war zwar sehr mühsam, aber die wunderschöne ursprüngliche Natur und Landschaft, durchzogen von morgendlichen Nebelschwaden, sowie das lustige Zwitschern und Singen der Vögel, ließen diesen Tag zum Abenteuer werden.

Unterwegs sammelte Jan gemeinsam mit dem Großvater Pflanzen, Kräuter, Blumen sowie riesige Tannenzapfen. Billy, der Labrador, durfte auch mit. Jan musste an den Augenblick denken, als das Foto entstand.

Still lächelte er vor sich hin.

Großvater und der Hund waren schon auf dem Berg, als Jan hörte, dass Billy laut und aufgeregt bellte. Jan beeilte sich, den Berg zu ersteigen, um die Ursache des Lärmes rauszubekommen. Als er endlich oben war, sah er, wie Billy aufgeregt an einem Baum hochsprang. Der Hund hatte ein Eichhörnchen gesehen und wollte dieses nun jagen. Das sah so lustig aus, dass Jan erst einmal stehen bleiben musste, um herzhaft zu lachen.

Billy nahm immer wieder Anlauf, um dann den Baum hochzuspringen. Dabei drehte er sich ständig und fiel hin. Er ließ erst von seinem Tun ab, als der Großvater zu schimpfen anfing.

Der Abstieg war noch aufregender. Sie nahmen die Sesselbahn, wobei ihnen noch ein unbeschreiblich schöner Rundblick beschert wurde. Sie konnten sogar die bayrischen Alpen sehen. Das war ein schöner Tag gewesen.

Jan räkelte sich in seinem Bett. So langsam bekam er Hunger. Er hörte, wie die Großmutter unten in der Küche rumorte. Sein Frühstück stand bestimmt schon auf dem Tisch. Er stand auf und ging barfuß zu der Wand, um behutsam das Bild abzunehmen. Dieses Foto würde er in seinem Zimmer in Berlin aufhängen. So hatte er immer vor Augen, dass er im nächsten Sommer wieder mit dem Großvater und Billy wandern gehen würde. Schade, dachte er, dass ich Billy nicht auch nach Berlin mitnehmen kann.