Marzipan zu Weihnachten

Jedes Jahr in der Weihnachtszeit wiederholt sich bei Familie Schulze ein Ritual, das seinen Ursprung in den fernen Kindertagen der Mutter hat.

Renate, eine leidenschaftliche Marzipanliebhaberin, durchsucht alljährlich ab November die Sortimente namhafter Anbieter von Marzipanköstlichkeiten. An den Adventsnachmittagen genießt sie diese Auswahl dann mit ihrer Familie im festlich geschmückten Wohnzimmer bei Kerzenschein und besinnlicher Musik.

Einmal, als die Kinder noch klein waren, an einem Adventsonntag, wollten sie unbedingt wissen, warum Weihnachten ohne Marzipan für ihre Mutter undenkbar sei. Renate bat sie, sich bis zum Kaffeetrinkern zu gedulden:

„Ich habe vor langer Zeit eine Geschichte aufgeschrieben, die ich euch heute anstelle der klassischen Weihnachtsgeschichte vorlesen möchte.“

Nachmittags versammelte sich die gesamte Familie bei Kerzenschein, leiser Musik und behaglicher Wärme um den Adventskranz.

Renate legte ein kleines, handbeschriebenes rotes Buch auf den Tisch. Mit einem winzigen Schlüssel, den sie als Kettenanhänger trug, öffnete sie das Schloss des Büchleins und blätterte suchend in den Aufzeichnungen.

Als sie die gewünschte Stelle fand, bemerkten ihr Ehemann und die Kinder ein leichtes Lächeln und ein stilles Leuchten in ihren Augen.

Bedächtig strich sie über die Seiten und begann vorzulesen.

Die Überschrift lautete:

Erinnerungen an den Sommer 1967

Laut lachend verließen die beiden zehnjährigen Mädchen den elterlichen Hof von Renate. Sie hielten sich an den Händen und hüpften im Gleichschritt in Richtung Wald. Die Schule war vorbei, die Hausaufgaben erledigt – jetzt war Zeit zum Spielen.

Kurz vor ihrem Ziel ließen sie sich in das saftige, grüne Gras der angrenzenden Wiese fallen, um sich kichernd und nach Luft schnappend von ihrem wilden Gehopse zu erholen.

Gudrun und Renate, seit dem Kindergarten beste Freundinnen, genossen die leichte Brise, die sie sanft berührte.

Gudrun, ein scheues und stilles Kind, war ganz das Abbild ihrer Mutter. Trotz ihrer noch kindlichen Statur besaß sie einen robusten, leicht fülligen Körperbau. Ihr rundliches Gesicht mit den leuchtend grünen Augen wurde von dickem, schwarzem Haar umrahmt, das in schweren Zöpfen über ihre Schultern fiel. Sie trug kurze Hosen und eine leichte, bunte Sommerbluse. Auf Schuhe hatte sie – genau wie Renate – verzichtet. Barfußlaufen war im Sommer ein absolutes Muss

Renate war das genaue Gegenteil ihrer Freundin. Schlank, mit neugierigen, großen blauen Augen, einem blassen Gesicht und kurz geschnittenem, feinem blondem Haar glich sie einem wilden kleinen Kobold. Sehr zum Ärger ihrer Eltern war sie ständig in Bewegung. Kein Baum war ihr zu hoch, kein Gewässer zu tief. Ihr wildes Temperament und ihre lebhafte Fantasie ergänzten sich prächtig mit der sanften Zurückhaltung von Gudrun – brachten ihr jedoch auch so manchen Ärger ein.

Als sich die beiden Mädchen erholt hatten, machten sie sich auf den Weg zu ihrem Baumhaus. Die dicke Trauerweide mit ihren ausladenden Ästen war schon zu sehen. Etwa zehn Meter rechts davon stand ihr Versteck, das sie im vergangenen Jahr entdeckt hatten. Heute wollten sie Vogelbeeren zum Trocknen sammeln, um sie später abwechselnd mit Apfelkernen auf Schnüre aufzuziehen. Mit diesen Ketten wollten sie ihr Reich schmücken.

Das Baumhaus war ihr großes Geheimnis. Gudrun hatte Renate sogar einen Schwur geleistet, es niemals zu verraten. Keiner durfte davon wissen – nicht einmal Gebhard und Joachim, ihre liebsten Spielkameraden.

Gebhard, der ein Jahr ältere Bruder von Renate, und sein gleichaltriger Freund Joachim liebten es, den Mädchen Streiche zu spielen und sie bei jeder Gelegenheit zu necken. Gebhard glich seiner Schwester zwar äußerlich, war aber weit weniger draufgängerisch.

Joachim, Gudruns Bruder, war dagegen flink wie ein Wiesel. Sein sommersprossiges Gesicht wurde von rotblondem Haar umrahmt. Obwohl die vier Kinder in den Sommerferien meist begeistert zusammen auf Abenteuersuche gingen, scheute sich Renate nicht, mit den Jungen zu raufen, wenn sie ihre Späße zu weit trieben

Plötzlich blieben die Mädchen sprachlos stehen. Sie sahen, wie Joachim und Gebhard lärmend und schreiend Sachen aus ihrem Baumhaus warfen. Zu Renates Verwunderung reagierte Gudrun weniger erschrocken als sie selbst. Ihr schönes Versteck! Niemand hätte davon wissen dürfen. Warum zur Hölle waren die Jungen hier?

Renate rannte los, ohne darauf zu achten, ob Gudrun ihr folgte. Laut schreiend und wild mit den Armen rudernd signalisierte sie den Eindringlingen, dass sie ihr Revier nicht kampflos aufgeben würde. Gudrun folgte nur zögerlich und in gebührendem Abstand.

Weniger mutig als ihre Freundin zog sie es vor, sich aus dem Streit herauszuhalten.

Lachend und voller Schadenfreude, den Mädchen wieder einmal einen Streich gespielt zu haben, sprangen die Jungen vom Baum, um zu flüchten. Doch Renate stürzte sich laut aufheulend auf Joachim. Wie zwei wilde Kampfhähne gingen sie aufeinander los. Gudrun und Gebhard beobachteten das Spektakel aus sicherer Entfernung. Sie dachten gar nicht daran, sich einzumischen – Renate würde das schon regeln.

Schließlich ließen die Kontrahenten voneinander ab. Tränenüberströmt und wütend über das zerstörte Baumhaus rannte Renate heimwärts.

Dort verkroch sie sich in der Scheune; niemand sollte sehen, dass sie weinte. Tief verletzt und voller Verzweiflung gab sie sich ihrem Kummer hin.

Schon wieder hatte sie sich geprügelt. Und dann ausgerechnet mit Joachim, der ihr kleines Herz doch insgeheim immer höherschlagen ließ, wenn sie zusammenspielten. Dabei hatten die Mädchen vor, die Jungen bald in ihr Geheimnis einzuweihen – es sollte nur vorher alles richtig schön hergerichtet sein. Nun war alles ruiniert.

Etwa eine halbe Stunde später betrat Gudrun die Scheune. Still setzte sie sich zu der schluchzenden Renate ins Stroh. Zaghaft schob sie ihr ein kleines, rosa Marzipanschweinchen hin. Mit leiser, schuldbewusster Stimme gestand sie, dass sie den Jungen das Versteck verraten hatte. Eigentlich hatte sie es verschweigen wollen, aber Joachim hatte ihr das Marzipanschwein versprochen, wenn sie ihm den geheimen Treffpunkt nannte

Renate wischte sich die Tränen ab. Immer noch leise schluchzend nahm sie das Marzipanschweinchen entgegen und teilte es mit ihrer Freundin. Von diesem Tag an spielten alle vier den restlichen Sommer über gemeinsam im Baumhaus. Und Marzipan wurde zur absoluten Lieblingsnascherei der vier Freunde.

Wehmütig schloss Renate das Buch. Die Frage, was aus Gudrun und Joachim geworden war, konnte sie ihren Kindern nicht beantworten. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, und die Lebenswege der vier Freunde hatten sich irgendwann getrennt. Was jedoch geblieben ist, sind Renates Vorliebe für Marzipan zu Weihnachten und die kostbaren Erinnerungen – sorgfältig verwahrt in einem kleinen roten Buch.