Nur ein Bettler; oder: Berlin ist überall

Wie jeden Tag um die Mittagszeit, pünktlich um zwölf Uhr, schellte in der Bäckerei Lehmann in der Schillingstraße, unweit des Alexanderplatzes, die Türglocke.

Herein kam ein zerlumpter, auf dem linken Bein hinkender älterer Mann, der einen kleinen, zottigen Pudel auf dem Arm trug. Zielgerichtet und wortlos steuerte er auf einen runden, abseitsstehenden gedeckten Tisch zu, um daran Platz zu nehmen. Seinen Hund behielt er auf dem Schoß.

Er achtete sorgsam darauf, die belegten Brötchen und den dampfenden Kaffee langsam und mit Bedacht zu verzehren. Zwischendurch riss er kleine Brötchenstücke ab, um damit das Tier zu füttern. Da er immer mit dem Rücken zum Verkaufstresen saß, konnte er nicht sehen, wie der vierundfünfzigjährige Bäckermeister ihn an diesem Tag verstohlen, hinter einem Vorhang verborgen, beobachtete.

Lehmann hatte seine Bedienung angewiesen, täglich den Tisch mit frischen Speisen zu decken und dem Mann keine Fragen zu stellen. An diesem Tag blieb er etwas länger stehen, um sich Gedanken über den komischen Kauz in der Ecke zu machen, der nie sprach und sich nie bedankte.

Armes Schwein, dachte Lehmann, der hat sicher auch schon bessere Zeiten erlebt. Er müsste in meinem Alter sein. Wenn der sich mal waschen und seine strähnigen Haare schneiden lassen würde, sähe er ganz manierlich aus! Ich möchte mal wissen, welches Unglück den armen Kerl so aus der Bahn geworfen hat, dass er auf der Straße gelandet ist. Ob er außer seinem Hund noch jemanden hat, der zu ihm gehört? Ich würde gern einmal mit ihm reden, aber was würden meine Kunden dann von mir denken?

Nachdenklich zog sich der Bäckermeister zurück. „Vielleicht spreche ich ihn morgen an“, nahm er sich jeden Tag vor, um es dann doch wieder bei seinen heimlichen Beobachtungen zu belassen.

Am späten Nachmittag desselben Tages ging Anne Schmidt eiligen Schrittes auf den U-Bahneingang der Schillingstraße zu. Ärgerlich heftete sich ihr abgehetzter Blick auf einen Bettler, der vor einer Bäckerei nahe des U-Bahneinganges auf dem kalten Fußboden saß.

Er hielt einen kleinen, weißen, zerzausten Pudel auf dem Arm und schaute unentwegt auf einen imaginären Punkt.

So ein Pack!, schimpfte Anne innerlich, während sie auf den U-Bahntunnel zusteuerte. Dieser Penner lungert hier rum, bettelt den ganzen Tag und verdient damit am Ende noch mehr Geld als ich, grollte sie lautlos.

Unsereins dagegen hetzt jeden Tag los und macht sich für ein paar Euro krumm. Wieso kann der nicht arbeiten, so wie ich? Und wenn er nur den U-Bahnhof fegt!

Sie wollte sich gar nicht mehr beruhigen. Als sie die Treppen hinunterhastete, warf sie einen letzten, abschätzenden Blick auf die frierende Gestalt. Wie der aussieht! Alles so ungepflegt an ihm! Dabei hat sein abgewetzter Anzug bestimmt einmal viel Geld gekostet! Das sieht man doch auf den ersten Blick.

Über ihr Gesicht huschte ein schadenfrohes Lächeln. Vielleicht hat seine Frau ihn auch einfach vor die Tür gesetzt, weil sie die Faxen dicke hatte? Den armen Hund gleich mit dazu! Hätte ich einen Mann, würde ich ihm schon zeigen, wo es langgeht, dachte sie grimmig.

Anne hatte den Bettler längst vergessen, als sie in ihre Anschlussbahn stieg, um dann für den Rest des Tages in einem Toilettenhäuschen am Hermannplatz zu putzen

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Überall in den Häusern gingen die Lichter an. Leichter Regen fiel vom Himmel und es war noch kälter geworden. Menschen hasteten die Straßen entlang, Autofahrer hupten ungeduldig an den Ampeln. Der leere, traurige Blick von Wilhelm Voß, der nun am U-Bahneingang der Schillingstraße saß, blieb an einem Plakat auf einer Litfaßsäule hängen. Es zeigte ein älteres Ehepaar, das lächelnd in die Sonne schaute und für Schmerztabletten Reklame machte.

Wehmütig dachte er an seine Frau Inge, die ihn vor drei Monaten nach dreißigjähriger Ehe verlassen hatte. In den einsamen Nächten, die er meist auf Parkbänken oder in Häusereingängen rund um den Alexanderplatz verbracht hatte, schweiften seine Gedanken immer wieder zu ihr zurück. Wie gern hätte er die Zeit zurückgedreht und die letzten Jahre noch einmal mit ihr gemeinsam erlebt.

Aber ihm waren seine Arbeit, die Firma und die Angestellten immer wichtiger gewesen als seine Frau und sein nunmehr erwachsener Sohn Peter. Das musste er schmerzlich einsehen, als er das glücklich lachende Paar auf dem Schild vor sich betrachtete.

Seine Gedanken gingen zu dem Tag zurück, an dem er ihren Brief auf dem Küchentisch gefunden hatte. Sie hatte ihn verlassen. Fluchtartig und von Schuldgefühlen geplagt, hatte er den Pudel Bobby genommen und sich in den erstbesten Zug gesetzt. Ihm war egal, wohin die Reise ging. Einfach nur weg! So war er nach Berlin gekommen.

Obwohl Wilhelm sich ein Hotelzimmer im besten Haus hätte leisten können, blieb er auf der Straße. Er verbrachte seine Tage lethargisch und voller Selbstanklage. Er wusch sich nicht und wechselte seine Kleidung nicht. Die Blicke der Passanten ignorierte er gelassen; genauso gelassen sammelte er das Geld auf, das ihm vor die Füße geworfen wurde.

Nur langsam löste sich das Metallband der Einsamkeit von seiner Brust. Wilhelm fand an diesem Abend, dass es an der Zeit sei, nach Hause zu fahren. Morgen, so nahm er sich vor, rufe ich meinen Sohn Peter an. Er wird mich abholen und ich werde ihm das Geschäft überschreiben. Und dann werde ich Inge zurückholen. Wir werden reisen und den Rest unserer Tage gemeinsam verbringen. Hoffentlich will sie mich noch, wünschte er sich. Er wollte alles tun, um sie wieder bei sich zu haben. Denn eines hatte er auf der Straße begriffen: Ohne seine Frau wollte er nicht mehr sein. Es war ihm egal, wie alt er war. Er würde um sie kämpfen. Er wollte mit ihr noch einmal das Abenteuer des Lebendig seins spüren – so wie früher, als sie jung waren.

Zwei Wochen später betraten ein gepflegter Herr und eine elegant gekleidete Dame mit einem weißen Pudel auf dem Arm gegen zwölf Uhr die Bäckerei Lehmann. Der ältere Herr wünschte den Inhaber zu sprechen.

Lehmann betrat den Verkaufsraum, mehlverschmiert und müde. Sprachlos nahm er einen großen Blumenstrauß von dem lächelnden älteren Herrn entgegen. Dieser sagte:

„Freunde sind Engel, die uns wieder auf die Beine helfen, wenn unsere Flügel vergessen haben, wie man fliegt.“

Ich würde mich freuen, wenn wir Freunde werden. Ich bin der Bettler, dem Sie, ohne zu fragen und zu urteilen, wieder auf die Beine geholfen haben.“

Er zeigte auf die Frau. „Und das ist meine Frau Inge.“