Nur noch fünf Monate
Sie war am Ziel. Müde und erschöpft zog Juliane Winter den Zündschlüssel, lehnte sich zurück und blieb noch eine Weile in ihrem silbergrauen Mercedes sitzen. Sie war die ganze Nacht von Berlin aus durchgefahren. Nun stand sie am späten Vormittag vor dem kleinen Häuschen ihrer fünfundsiebzigjährigen Tante Lilly. Es war ein schlichtes weißes Fachwerkhaus, dessen Fensterbänke mit blühenden Geranien geschmückt waren – ein typisches Kleinod mitten im Schwarzwald.
Eine gleichmäßige graue Wolkendecke verdeckte die Julisonne, und feiner Sprühregen fiel wie ein Schleier übers Land. Juliane blickte durch ihn hindurch, genau eine Woche zurück, als sie im Sprechzimmer ihrer Frauenärztin saß. An der Anmeldung hatte sie erfahren, dass ihre vertraute Medizinerin erkrankt war. Anfangs wollte sie umkehren, weil ihr die Vertretung, ein junger Mann in den Dreißigern, auf Anhieb unsympathisch war.
Sie hatte ihn beobachtet, während er der Schwester an der Aufnahme einige Akten hinlegte.
Er war etwa ein Meter achtzig groß – Juliane hätte in ihm eher einen Türsteher vermutet als einen Gynäkologen. Sein Körper war durchtrainiert und braungebrannt, die Haare kurz rasiert. Sein Gesicht strahlte eine Arroganz aus, die ihm seine gesellschaftliche Stellung höchstwahrscheinlich vermittelte. Auch seine einstudierte Höflichkeit und das schwache Lächeln konnten den Unmut darüber, an diesem schönen Sommertag in einer überhitzten Praxis arbeiten zu müssen, nur schwer verbergen.
Juliane dachte an ihren eigenen überfüllten Terminkalender und beschloss zu bleiben.
Sie erinnerte sich, wie unangenehm berührt sie von seiner groben Art bei der Untersuchung gewesen war. Und daran, wie sie danach nur mit Widerwillen an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte. Als er mit ausdruckslosem Gesicht die Bilder überflog, die sie am Vortag aus dem Röntgeninstitut abgeholt hatte, kam ihr wieder die flippige Lernschwester in den Sinn. Das Klappern ihrer künstlichen Fingernägel hallte noch jetzt in Julianes Ohren nach. Diese hatte überaus umständlich nach den Aufnahmen gesucht, sodass das Warten kein Ende nehmen wollte.
Ein kurzer, heftiger Schmerz durchfuhr sie bei dem Gedanken an das anschließende Gespräch. Nicht zum ersten Mal stiegen Juliane bei der Erinnerung an die Worte des unsensiblen Arztes Tränen in die Augen. Er hatte ihr kühl mitgeteilt, dass sich in ihrer Gebärmutter ein schnell wachsender Tumor entwickelt habe. Bei Nichtbehandlung würde dieser nach spätestens fünf Monaten zum Tod führen. Es war seine unpersönliche, kalte Art, mit der er ihr die schreckliche Nachricht überbrachte, die sie veranlasst hatte, aufzustehen und den Behandlungsraum, ohne ein Wort der Erklärung zu verlassen.
Danach war sie apathisch durch den Rest der Woche gestolpert. Sie hatte nach den Proben nur noch herumgesessen, aus dem Fenster gestarrt und sich ins Bett gelegt. Keine Nacht schlief sie durch, grübelte stattdessen unaufhörlich über den nahen Tod. Am Morgen stand sie mit schweren Augenlidern und bleiernen Knochen auf – eingehüllt in einen Nebel aus Verzweiflung und Müdigkeit.
Und nun stand sie vor Lillys Haus. Juliane seufzte tief und wischte sich die Tränen fort. Als sie ausstieg, um ihre kleine Reisetasche aus dem Kofferraum zu holen, huschte ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. Sie freute sich darauf, ihre Tante in wenigen Augenblicken zu umarmen.
Lilly war ihre einzig lebende Verwandte; sie hatte Juliane nach dem Unfalltod der Eltern großgezogen. Ihr letzter Besuch lag schon vier Jahre zurück, und schemenhafte Erinnerungsbilder tanzten vor ihrem geistigen Auge, während sie auf die Eingangstür zuging.
Sie sah die Küche vor sich, in der Lilly, von Nachbarskindern umringt, sonntags Kekse buk oder für alle kochte. Ihr fielen die warmen Sommerabende im Garten ein, mit Picknick und langem Aufbleiben.
Lilly war für sie die Verkörperung einer Märchenbuchtante gewesen: eine liebevolle Frau, die sie immer so fest drückte, dass Juliane sich ganz schwach fühlte, wenn sie wieder losließ. Eine Tante, in deren Armen sie sich verstecken konnte, wenn sie einen schlechten Tag hatte, und die ihre Nichte wie ihr eigenes Kind liebte.
Umso enttäuschter stellte Juliane fest, dass das Haus leer war. Schlagartig erinnerte sie sich an den vollgesprochenen Anrufbeantworter daheim. Lilly hatte einen Kurzurlaub in Italien erwähnt.
Nachdem die Welle der Scham über ihr eigenes Versäumnis, nicht zurückgerufen zu haben, abgeklungen war, beschloss sie, stattdessen zu einem anderen Vertrauten zu gehen.
Sie stellte ihre Reisetasche ab und rief danach ihren alten Professor an, um ihm mitzuteilen, dass sie bei ihrer Tante sei und kurz bei ihm vorbeischauen wolle. Das Lilly nicht zuhause war, verschwieg sie ihm.
Mit ihrer Violine und einem Blumenstrauß in den Händen klingelte Juliane um sechzehn Uhr bei ihrem ehemaligen Musiklehrer, Professor Mälzer.
Er öffnete selbst, und die Augen des betagten Mannes glänzten, als er die junge Frau wohlwollend betrachtete.
„Wie schön, Julchen, dass du mich greisen Professor nicht vergessen hast. Ich habe mich sehr über deinen unerwarteten Anruf gefreut.“
Seine Stimme knarrte wie ein alter, müder Baum. Juliane schmunzelte. Er nannte sie immer noch Julchen. Genau wie damals, als sie die kleine Musikelevin war, die berühmt werden wollte. Sie begleitete ihn ins Wohnzimmer. Seine einst so flinken Hände zitterten leicht, die rechte umklammerte einen glänzenden Gehstock aus Holz. Wie eh und je trug er einen dunklen Anzug und ein hellblaues Hemd mit Krawatte. Einladend zeigte er auf den gedeckten Kaffeetisch.
„Nimm Platz, mein Mädchen, und dann sag mir, was dich zu mir führt.“
„Ich werde in drei Wochen auf Konzertreise gehen und möchte Sie bitten, mich vorher anzuhören. Ich fühle mich einfach besser, wenn Sie mir sagen, dass ich fehlerfrei spiele.“
Professor Mälzer nippte an seiner Kaffeetasse und musterte sie stumm. Leicht spöttisch erwiderte er:
„Das ehrt einen alten Mann wie mich sehr, wenn seine beste Schülerin zu ihm kommt, um ihm vorzuspielen! Obgleich jeder weiß, dass ich schon lange von dir lernen kann. Immerhin verfolge ich regelmäßig deine Konzerte und weiß, wie unschlagbar gut du bist.“
Juliane zuckte leicht zusammen. Sie fühlte, wie sie vom Hals herauf errötete. Obwohl sie sich wie früher bei ihrem alten Tutor Trost holen wollte, verließ sie plötzlich der Mut. Augenblicklich fühlte sie sich wieder wie das kleine Mädchen, das seine Übungsaufgaben nicht gemacht hatte und darauf wartete, vom Lehrer gerügt zu werden. Der Professor verlor die Geduld und polterte los:
„Kennst du mich so schlecht, dass du dich nicht ohne Instrument zu mir traust? Du weißt besser als ich, dass du perfekt spielst. Also, raus mit der Sprache. Was bedrückt dich?“
Juliane versuchte nicht länger, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Auf einmal erschien es ihr völlig sinnlos, vor ihrem alten Lehrer das tatsächliche Anliegen ihres Besuches zu verschweigen.
„Sie haben recht, Herr Professor, es geht mir nicht gut. Ich habe Krebs.“ Verzweifelt versuchte sie, die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken. Klagend sprach sie weiter: „Ich bin doch erst achtundzwanzig, ich will noch nicht sterben.“
Professor Mälzer sah sie forschend an. „Was willst du von mir hören, mein Mädchen?“
Sein Blick heftete sich auf ihr Gesicht, während er mit fester Stimme sprach: „Ich hielt dich für klüger, taffer. Du stehst am Anfang deines Lebens, feierst großartige Erfolge! Nun droht ein Windstoß dich umzuwerfen, und du gibst dich auf? Wo ist das kleine Mädchen, das tapfer nach dem Tod seiner Eltern, mit nur neun Jahren, auf der großen Bühne stand und mit seiner Violine die Menschen zu Tränen rührte? Ich vermisse die junge, starke Frau, die ganz allein in die Großstadt gezogen ist und von dort aus die Bretter der weiten Welt erobert hat!“
Juliane fing an zu schluchzen. „Sie haben mir nicht zugehört! Ich werde sterben, schon bald! Ich habe nur noch fünf Monate.“
Professor Mälzer senkte die Stimme. „Weißt du, Juliane, wir alle werden einmal sterben. Ich auch. Ich habe mein Leben bereits gelebt. Trotzdem bin ich nicht bereit, einfach so zu gehen. Und ich bin ein alter Mann. Wer sagt dir denn, dass du in fünf Monaten sterben wirst? Du musst kämpfen! Selbstmitleid ist jetzt fehl am Platz. Du bist in der Lage, mit deiner Violine große Säle zu füllen. Du wirst geliebt. Willst du das alles kampflos aufgeben? Kämpfe!“
Am nächsten Tag fuhr Juliane nach Berlin zurück. Während sie zu Hause den Briefkasten leerte, beschloss sie, bereits die Wäsche für ihren bevorstehenden Krankenhausaufenthalt zu waschen. Noch im Flur öffnete sie einen Brief, der den Stempel ihrer Frauenärztin trug. Fassungslos las sie die Zeilen: Die Auszubildende hatte ihre Laborberichte und die Röntgenunterlagen vertauscht – Juliane war kerngesund.
Mit weichen Knien ließ sie sich auf den obersten Treppenabsatz sinken. Immer und immer wieder überflog sie den Brief, unfähig, es zu begreifen. Danach saß sie lange Zeit vollkommen schweigend im Flur. All die Turbulenzen, die Wellen aus Angst und Verzweiflung, die in den vergangenen Tagen über ihr zusammengeschlagen waren, lagen nun wie ein ruhiger, dunkler Teich vor ihr. Sie war nicht krank. Sie würde nicht sterben.
Wann immer Juliane von da an ein Konzert erfolgreich abgeschlossen hatte, und im Applaus stand, musste sie an die krebskranke Frau denken, deren Befunde sie fälschlicherweise erhalten hatte. Und im Stillen hoffte sie für diese ihr unbekannte Person von ganzem Herzen, dass ihr mehr als nur fünf Monate geblieben waren.
Gedanken der Leserinnen und Leser
Kommentare
Alle Kommentare werden vor der Veröffentlichung von Karin geprüft.
Noch keine freigegebenen Kommentare.